Gehörlosen-Radsport

Neben dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) gibt es hierzulande auch den Deutschen Gehörlosen-Sportverband (DGS). Der DGS ist Dachverband von insgesamt über 20 verschiedenen Sportarten – sogenannte Sparten – die in Deutschland von schwerhörigen und gehörlosen Menschen offiziell betrieben werden. Dazu gehören zum Beispiel Fußball, Tischtennis, Schießsport, Volleyball, sowie auch Radsport. Genauso wie beim BDR gibt es hier auch eine Nationalmannschaft, aktuell bestehend aus 4 Männern und 3 Frauen. Da ich von Geburt an hochgradig und an Taubheit grenzend schwerhörig bin, die Ursache ist nicht bekannt, habe ich 2013 über Kontakte in der Behindertensportzene den Weg zum Gehörlosen-Radsport gefunden. Bald darauf wurde ich in die Nationalmannschaft berufen. Bei den Gehörlosen gibt es nicht so viele Wettkämpfe, daher bleibt der BDR mit seinen zahlreichen Rennen und der starken Konkurrenz für mich immer im Vordergrund, um mich in meiner sportlichen Leistung weiterzuentwickeln. Nur hier ist es möglich, regelmäßig Erfahrung im Wettkampf zu sammeln und zu vertiefen. Das Higlight bei den Gehörlosen ist für mich jedes Jahr die Deutsche Meisterschaft, wo ich auf Anhieb den Straßen- und Zeitfahrtitel bei den Frauen holen konnte, und mich nun darauf fokussiere, diese beiden Titel zu verteidigen. Daneben gibt es immer im April ein Straßenrennen in Landshut und in der Regel pro Jahr einen internationalen Wettkampf (EM, WM oder Deaflympics [deaf = engl.: taub; Olympische Spiele der Gehörlosen]). Der erste Renneinsatz im Nationaltrikot wird für mich die Straßen-EM in Brügge/Belgien (14.-20.08.2016) sein. Den Gehörlosen-Radsport gibt es erst seit etwa 1980 in Deutschland und wird derzeit weiter ausgebaut. Ich habe im Moment gute Perspektiven und hoffe, dass ich bei der EM trotz großer Aufregung einen Podestplatz ergattern kann.

Um an einem Gehörlosen-Wettkampf – egal welcher Sportart – teilzunehmen, benötigt man einen sogenannten „Gelben Pass“. Dieser ist mit der BDR-Rennlizenz vergleichbar. Den Pass muss man vor dem Wettkampf im Tausch gegen Startnummer und ggf. Transponder abgeben und bekommt ihn dann nach dem Rennen, bei Abgabe der Startnummer und ggf. Transponder, wieder zurück. Um den Gelben Pass zu erhalten, ist einerseits die Mitgliedschaft in einem Gehörlosen-Sportverein (der dem Dachverband DGS angehört) notwendig. Und andererseits muss man auf dem besseren Ohr eine Hörschädigung von mindestens 55 Dezibel nachweisen.

Gehörlosen-Vereine gibt es in jedem Bundesland leider nur sehr wenige. Der Gehörlosen-Verein kann dann den Gelben Pass austellen, der – anders als die BDR-Rennlizenz – grundsätzlich kein Ablaufdatum hat. Die erforderliche Hörschädigung muss man durch ein sogenanntes Audiogramm nachweisen. Dieses Dokument kann ein HNO-Arzt, Hörgeräteakustiker oder dergleichen nach einem Hörtest ausstellen. Im Gehörlosen-Wettkampf müssen alle Hörhilfen (Hörgeräte oder Cochlea Implantate) abgenommen werden, falls diese vorhanden sind. Das soll Chancengleichheit zu den völlig gehörlosen bzw. tauben Teilnehmern schaffen, die kein Restgehör mehr haben und darum auch keine Hörhilfen tragen können – das würde ihnen schlichtweg nichts nützen. Dieser Grundsatz gilt für alle Sportarten im DGS. Speziell beim Radsport wird dann auf entsprechende Signale verzichtet, die sonst akustisch durchgegeben werden. Es gibt in der Regel beim Zielwagen keinen Kommentator und keine Musik (höchstens für die Zuschauer), und die letzte Runde bzw. Sprintwertungen werden mit verschiedenfarbigen Fahnen, evtl. mit Gebärdensprache, durchgegeben. Eine Glocke, wie man sie für diesen Zweck vom BDR kennt, kommt hier nicht zum Einsatz.

Hörgeräte verstärken generell eine Stimme oder ein Geräusch, Cochlea Implantate (CI) werden ins Ohr hinein operiert. Doch ohne Restgehör, d.h. Verbindung zum Hörnerv funktioniert beides nicht. Diese Verbindung kann aus verschiedenen Gründen gestört sein, sodass der Betroffene in der Folge ertaubt oder bereits gehörlos zur Welt kommt. Wenn noch Restgehör vorhanden ist, liegt die Beeinträchtigung in einem anderen Bereich vom Ohr, sodass derjenige Geräusche nur abgeschwächt wahrnehmen kann und man dieses Problem mit Hörgeräten oder CI zu beheben versucht. Doch auch das gelingt nicht immer, da die Technik das intakte menschliche Ohr nie wird ersetzen können. Auch wenn technische Hilfsmittel das Hören überhaupt erst ermöglichen oder erleichtern, darf man nicht vergessen, dass dennoch viele schwerhörige Menschen Probleme haben, trotz Hörgerät oder CI alle Geräusche, Stimmen, akustischen Reize um sich herum zu erfassen. Manchen gelingt das besser, andere kommen weniger gut zurecht. Doch in jedem Fall stellt dieses Handicap für alle Betroffenen, für jeden, eine enorme Konzentrationsleistung dar – Satzbausteine, akustische Schnipselchen, Geräusche müssen im Kopf ständig zugeordnet und zu sinnvollen Konstruktionen zusammengesetzt werden. Das ist für normalhörende Menschen oft schlecht nachzuempfinden und sie sind sich dessen auch gar nicht bewusst. Nicht selten leidet man dann am Ende eines langen Tages unter Kopfschmerzen, allgemeiner Müdigkeit und Stress. Das Radfahren war mir persönlich hier immer eine große Stütze, um einfach mal Dampf abzulassen und auch von den Menschen wegzukommen. Ich brauche das, ab und zu mal alleine sein und niemandem zuhören müssen, mich nicht ständig auf irgendwelche Geräusche konzentrieren zu müssen und allgemein in dauernder Anspannung zu sein, angesprochen zu werden oder etwas verstehen zu müssen. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht auch genauso gerne in der Gruppe mit dem Rad unterwegs bin. Auch das trägt für mich zur Entspannung bei, auch wenn die Unterhaltung durch den Fahrtwind mitunter auch wieder anstrengend ist. Viele denken nicht daran, und das kann man auch nicht erwarten. Auf jeden Fall darf man nie müde werden, immer wieder auf sein Handicap hinzuweisen, und, wenn es sein muss, auch für seine Rechte zu kämpfen! Das Schlimmste, was dann einem gehörlosen oder schwerhörigen Menschen passieren kann, ist, sich zurückzuziehen und in der Folge völlig isoliert dazustehen, weil alles, was eigentlich, gerade mit Freunden zusammen, auch Spaß machen soll, z.B. Kino, Konzert, Feste, für jemanden mit solch einem Handicap nur wieder Anstrengung statt Entspannung bedeutet. Ein Zitat von der taubblinden Helen Keller bringt das auf den Punkt: „Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen“. Auch wenn es in der Realität mittlerweile zum Glück vielleicht nicht ganz so krass ist – so regt es doch zum Nachdenken an. Viele Gehörlose halten sich aus diesem Grund verständlicherweise hauptsächlich unter ihresgleichen auf. Ich bin aber auch der Meinung, dass man gleichwohl Kontakte mit normalhörenden Menschen knüpfen und pflegen sollte, um einfach mit beiden Beinen in der Welt und im Leben zu stehen und gegenseitigen Austausch möglich zu machen. Das wird durch verschiedene Maßnahmen, zum Beispiel Inklusion, immer mehr ermöglicht. Hier ist man jedoch noch lange nicht am Ende der Fahnenstange und es muss noch vieles gemacht werden. Aber dass ich zum Beispiel im Jahr 2015 mein Abitur an einer Regelschule, d.h. an einem „normalen“ Gymnasium, ablegen konnte, ist schon mal ein guter Anfang.