Aus dem Südkurier vom 20.08.2015

Bianca_metz_NationalmannschaftAuch wenn die Erschöpfung an Geist und Körper nagt: Bianca Metz aus Meßkirch lässt sich auf ihrem Rennrad im Wettstreit gegen Konkurrenz und ihr Handicap nicht abhängen. Sie ist seit ihrer Geburt hochgradig schwerhörig.

Es ist warm und die Aussicht über die Weinberge ist sicher grandios. Aber ich habe jetzt keine Zeit, um mich an der Landschaft zu erfreuen. Mir rinnt der Schweiß und ich bin sprichwörtlich „auf 180“ – zumindest, was meine Herzfrequenz betrifft. Mühsam und inmitten eines Pulks von zwei Dutzend der über 70 Radrennfahrerinnen arbeite ich mich den Berg hinauf, hochkonzentriert und auf der drittletzten Runde zunehmend angespannt. Ich spüre die wachsende Unruhe, die im Fahrerfeld aufkommt und mit der die Phase der Positionskämpfe eingeläutet wird.

Ich befinde mich beim Bundesliga-Radrennen der Frauen und Juniorinnen (17 bis 19 Jahre) in Merdingen bei Freiburg. Ich bemerke, dass die zweite Verfolgergruppe in Sichtweite ist und fasse in Sekundenbruchteilen den Entschluss, zu diesem Feld aufzuschließen. Keine andere Fahrerin folgt meinem Antritt, die Kolleginnen aus dem U 19-Bundesligateam des Landesverbandes Baden sind nicht in der Nähe. So bin ich für eine kleine Ewigkeit in einem harten Verfolgungskampf auf mich selbst gestellt. Aber nach einer Weile schaffe ich es und erreiche die Gruppe. Als es in die steile und kurvige Abfahrt geht, finde ich mich plötzlich im unteren Abschnitt alleine wieder. Warte ich auf meine Konkurrentinnen oder versuche ich, als Ausreißerin ins Ziel zu kommen? Ich weiß, dass eine Fahrt auf eigene Faust mehr Energie kosten wird als ein unauffälliges Mitrollen im Windschatten der Gruppe. Andererseits möchte ich diesen Wettkampf schnell beenden, da mich langsam die Kräfte verlassen. Als niemand zu mir aufschließt, beschließe ich, die Solofahrt durchzuziehen. Und tatsächlich – es gelingt! Völlig fertig, aber strahlend fahre ich über die Ziellinie und verpasse das Podium mit Platz 4 nur knapp.

Jenes recht hochkarätige Rennen im Mai zählt zu den erfolgreichsten meiner Radsportkarriere. Angefangen hat alles 2011 mit der Schnapsidee einer Radreise am Rhein, bei der ich zusammen mit meinen Eltern auch Holland durchquert habe. Besonders beeindruckt waren wir von dem hervorragend ausgebauten Radwegnetz, das von sehr vielen Rennradfahrern genutzt wird. Insbesondere mir hatten es diese filigranen Maschinen angetan. Ein paar Monate später stand ein blaues, schmuckes Alu-Rennrad im Keller! Damit fuhr ich erste Schnupperrennen, meldete mich beim Radlerclub Pfullendorf an und spulte mit dem Einsteiger-Rad in gut drei Jahren etwa 25 000 Kilometer ab. Nach und nach kamen Lizenzrennen dazu, ich arbeitete mich mit täglichem Training, bis in den Badischen Verbandskader und in die Gehörlosen-Nationalmannschaft hinauf. Die Einsteiger-Maschine wurde durch einen halb so schweren Carbon-Boliden ersetzt, der genau zu meinen Maßen passt. Am Training und meiner Form arbeite ich ständig, das Material spielt eine große Rolle und auch die Ernährung darf man nie aus den Augen lassen. Aber eines kann ich trotzdem nicht kompensieren: Mit meiner angeborenen hochgradigen Schwerhörigkeit muss ich im Sport mit einem Handicap leben, das mich manchmal vor große Herausforderungen stellt. So habe ich beim Training und im Wettkampf ständig den Fahrtwind auf den Ohren, der andere Geräusche nahezu unterdrückt. Meine Fahrweise nach Hinweisen zu richten, zum Beispiel, wenn die Mitstreiterinnen im Rennen plötzlich mit einem leisen Klicken der Schalthebel einen großen Gang einlegen, was ziemlich sicher eine Attacke einläutet, ist für mich undenkbar, da ich diese feinen Töne nicht hören kann. So sehr ich mich auch anstrenge, letztendlich hilft nur eines: Ich muss sehr viel schauen und mit den Augen aufmerksam sein. Nur mit Glück bin ich im Wettkampf noch nie ernsthaft gestürzt, obwohl ich die Rufe der anderen, das Hupen der Begleitfahrzeuge beim Überholen oder die Glocke als Ankündigung für die letzte Runde meistens überhöre. Die erhöhte Konzentration auf die visuelle Wahrnehmung hat zur Folge, dass ich am Ende eines Rennens auch mental ziemlich erledigt bin. Diese Situation erfordert besondere Maßnahmen. Daher nehme ich auch an Gehörlosen- ennen teil, die aber leider bisher nur in geringer Auflage veranstaltet werden. Dort fahren alle Teilnehmer „taub“ – das heißt: Wer Hörgeräte oder Cochlea Implantate trägt, muss diese ablegen, um mit den komplett gehörlosen Sportlern auf gleicher Ebene zu sein. Zusätzlich gibt es keine  Glockensignale, sondern es wird mit Fahnen gearbeitet, die am Anfang der
letzten Runde und zum Zieleinlauf des Rennens gezeigt werden. Wenn ich ein Rennen bei den Normalhörenden bestreite, was wegen der höheren
Teilnehmerzahl immer noch das beste Wettkampf-Training für mich ist, arrangiere ich mich, so gut es eben geht – statt der Glocke für die letzte Runde achte ich auf die
Kilometeranzeige meines Tachos, konzentriere mich darauf, die Rundenanzeige am
Zielwagen nicht zu verpassen, oder nehme jemanden mit, der mir per Handzeichen Hinweise gibt. Wie in der Schule, die ich dieses Jahr mit dem Abitur beenden konnte und wo im Unterricht immer ein kleines Mikrofon zum Einsatz kam, welches die Lehrer sich ansteckten, gibt es immer wieder Mittel und Wege, um am normalen Alltag und am Leben der hörenden Welt teilzuhaben. Trotzdem gibt es einige Hürden, die bleiben. Bei der Konversation mit Normalhörenden, insbesondere bei größeren Veranstaltungen, ist ein Effekt für mich ständig präsent ist: Weil alle durcheinander sprechen, verstehe ich oft kein Wort und kann daher nicht mitreden. Bin ich mit Gehörlosen zusammen, die sich auch über Gebärdensprache verständigen, bin ich diejenige, die alles versteht und mitbekommt. Endlich einmal entspannt in einer größeren Gruppe sein und alles erfassen können. Konzerte, Kino, Theater, Feste – all das, was eigentlich Spaß machen und zur Erholung in der Freizeit beitragen soll, stellt für einen Schwerhörigen nur noch mehr Anstrengung dar, sodass viele überfordert sind und sich zurückziehen. Sehr wichtig aufgrund der allgemein höheren Anstrengung im Alltag ist daher für mich der Radsport, auch als Möglichkeit, mal Dampf abzulassen. Ich freue mich nun auf die Deutschen Meisterschaften der Gehörlosen im Einzelzeitfahren im September, wo ich den Titel vom vergangenen Jahr verteidigen will. Ab Oktober werde ich eine Stelle im Bundesfreiwilligendienst antreten. Im Anschluss soll ein duales Studium in der Verwaltung folgen. Reinhard Brandt: „Gehörlosensport gilt als ältester organisierter Behindertensport“

Wie viele Gehörlose betreiben eigentlich Leistungssport? Der SÜDKURIER befragt Reinhard Brandt, Sachbearbeiter für Leistungssport beim Deutschen Gehörlosen-Sportverband (DGS), zu Geschichte und Aktivitäten des Gehörlosensportverbands.

Welche Sportarten gibt es im DGS und welche Bereiche sind am größten, haben die meisten Mitglieder?
Im DGS gibt es 21 offizielle Sportarten mit Meisterschaftsbetrieb, dazu kommt noch
Freizeitsport wie Rommé und Wandern. Zu den 21 offiziellen zählen klassische Olympia- oder Deaflympics-Sportarten wie Leichtathletik, Schwimmen und Fußball und auch nicht olympische wie Dart, Kegeln, Schach. (Deaflympics setzt sich zusammen aus dem englischen „deaf“, taub, und „olympics“, Anm. der Redaktion). Mit großem Abstand hat die Sparte Fußball die meisten Mitglieder, nämlich 1995, gefolgt von Bowling mit 382 und Basketball mit 308.

Wie viele Mitglieder, Sportler und sonstige, hat der DGS?
Laut Mitgliederstatistik 2014 hat der DGS 8347 Mitglieder.

Seit wann gibt es den DGS?
Am 21. August 1910 wurde mit dem Verband Deutscher Taubstummen-Vereine für
Leibesübungen der erste nationale Verband gegründet. Der aktuelle DGS sieht sich in einer direkten Linie dazu und gibt daher als offizielles Gründungsjahr 1910 an. Der Gehörlosensport in Deutschland hatte dann in der Nazizeit eine wechselvolle Geschichte, kam 1944 völlig zum Erliegen und wurde 1946 unter dem heutigen Namen Deutscher Gehörlosen-Sportverband neu gegründet. Allererster Gehörlosenverein war die Taubstummen-Turnvereinigung Berlin.

Gibt es etwas, was man unbedingt noch über den DGS wissen sollte?
Der Gehörlosensport gilt sowohl national, als auch international als ältester organisierter Behindertensport. Die ersten Deaflympics, damals „World Games for the Deaf“, fanden 1924 in Paris statt, während der internationale Behindertensport sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte.
Fragen: Bianca Metz
Zur Person
Reinhard Brandt ist Sachbearbeiter für Leistungssport beim Deutschen Gehörlosen-
Sportverband (DGS) und damit vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbands zuständig. Von 1991 bis 2005 war Reinhard Brandt Sportdirektor im Verband, heute schreibt er als Insider viele Berichte und betreut die offizielle Homepage des Deutschen Gehörlosen- Sportverbands.